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- Spuren der Urzeit - Geotope - Archive der Naturgeschichte -

Kegelkarst Runkel-Hofen

 

Die Kegelkarst-Bildungen im Steinbruch Schneelsberg aus südöstlicher Richtung (Photo: E. Mascus 2004).

Ein außergewöhnliches Geotop im

Geopark Westerwald-Lahn-Taunus

 

Kegelkarst Runkel-Hofen - Geopark Westerwald-Lahn-Taunus - Spuren der Urzeit - Geotope - Archive der Naturgeschichte - MOLAMU - Das MitMachMuseum

Als Kegelkarst bezeichnet man eine bestimmte Verwitterungsform von dickbankigen Kalk-Gesteinen, die ausschließlich unter humiden tropischen bis subtropischen Klimaverhältnissen entsteht. Bekannte Beispiele aus der Gegenwart sind die "Mogotes" im Viñales-Tal auf Kuba oder der Turm-Karst bei Guilin in China. Finden sich vergleichbare Bildungen in unseren gemäßigten Breiten, sind sie als Zeugen feucht-heißen Klimas in prähistorischer Zeit, z.B. während des Alttertiärs oder der Kreidezeit, und einhergehend starker chemischer Verwitterung zu werten.

Ein wegen seiner bizarren Formen besonders schönes Beispiel ist der Kegel-Karst im Steinbruch Schneelsberg zwischen Runkel-Hofen u. Beselich-Niedertiefenbach im Landkreis Limburg-Weilburg (Hessen). Es handelt sich um den Randbereich einer zu einzelnen Kegeln verwitterten Oberfläche (ehemals bedeckter Karst) eines ausgedehnten devonischen Massenkalkzuges ("Lahn-Marmor"), der durch Baggerarbeiten im Zuge der Steinbruchausweitung (Fa. Schäfer-Kalk, Runkel-Steeden u. Hahnstätten) freigelegt wurde. Wenngleich die erdpyramidenähnlichen Gebilde somit künstlich geschaffen wurden, ist hier eine sehr beeindruckende Felsformation sichtbar und zugänglich gemacht, der zusammen mit den begleitenden erdgeschichtlichen Spuren ein besonderer geodidaktischer Wert zukommt.

                

Kegelkarst Runkel-Hofen - Geopark Westerwald-Lahn-Taunus - Spuren der Urzeit - Geotope - Archive der Naturgeschichte - MOLAMU

Im Unterschied zu den vielfältigen und unterschiedlich gefärbten "Lahn-Marmor-Varietäten" bei Vilmar oder Beselich-Schupbach ist der Massenkalk im Steinbruch Schneelsberg einheitlich grau gefärbt. Dennoch sind auch hier an mehreren Stellen anschauliche Belege fossiler Stromatoporen und Korallen erhalten, die die Entstehung als Riff im ehemaligen Devon-Meer auch für Laien nachvollziehbar machen. Bemerkenswert ist, dass am Ostrand des Geotops einzelne verwitterte Kalkstein-Blöcke auf gering verfestigten saprolitisierten Schiefern liegen, die wahrscheinlich in das Unterdevon datieren. Zwischen Kalk und Schiefern verläuft hier somit eine markante Verwerfung bzw. Überschiebung.

Neben den devonischen Fossilien sind nicht selten schöne Dendriten und Calcit-Drusen zu beobachten. Letztere vor allem an im Steinbruch angeschnittenen Dolomitisierungszonen. Leider lockt das inzwischen bekannte und vom Rand des Steinbruchs sichtbare Geotop zunehmend Sammler und "Klopfspechte" an, die trotz Verbot und Absperrung des noch in Betrieb befindlichen Steinbruchs (Eigentum der Fa. Schäferkalk) schon für einige Zerstörung gesorgt haben.

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Dendriten, herausgewitterte Stromatopore und Calcit-Kristalle im Dolomit (von links).

Auf der stark reliefierten Paläokarstoberfläche liegen tonige Sedimente mit Konkretionen von Eisen-Mangan-Erzen und tiefgründige Verwitterungsböden, deren Bildung auf das feucht-warme Klima, besonders im Tertiär, zurückzuführen ist. Daneben sind tief reichende, mit Rotlehm (Terra rossa) und mancherorts auch Eisen- und Manganerzen gefüllte Dolinen und Karstschlotten sowie Vallendarer Schotter (Arenberger Schichten) als Belege tertiärer Landschaftsformung angeschnitten. Da die Vallendarer Schotter auch in einigen Karsttaschen zu beobachten sind, muss die Verkarstung älter als mittleres Oligozän, d.h. älter als 30 Mio. Jahre sein.

Bemerkenswert ist, dass in Tonlinsen, die stellenweise zwischen die oligozänen Schotterlagen eingeschaltet sind, erstmals sehr deutliche Pflanzenabdrücke auftreten (s. Abb. unten). Für die Region gleichermaßen neu sind Reste marinen Sedimentmaterials (!), die Herr Prof. Zankl (Marburg) an der Basis einer Dolinenfüllung bergen konnte (mdl. Mitt. 2004). Letzterer hatte im gleichen Jahr auch eine kleine Basalt-Intrusion zwischen den Karst-Kegeln entdeckt. Somit kann als sicher gelten, dass im Bereich dieses Geotops bzw. Steinbruchs mit einem deutlichen Erkenntnisgewinn für die regionale Tertiär-Stratigraphie zu rechnen ist. Bleibt zu hoffen, dass die weiteren Abbauarbeiten entsprechend begleitet werden können.

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Abgeschobene Fläche am Nordost-Rand des Steinbruchs (MOLAMU-Geo-Erlebnis-Exkursion 2003). Die Gruppe steht auf tonigen Tertiär-Bildungen und Vallendarer Schotter (Arenberger Schichten). Neben den typischen Quarzgeröllen konnten hier auch einige violette, vererzte (?), laminierte Tonsteine geborgen werden, die sehr deutliche Pflanzenabdrücke erkennen lassen (s. Pfeile im Bild rechts).

Nicht zuletzt verdienen auch die bis zu 12 m mächtigen quartären Deckschichten Beachtung. Während im hangenden Teil der nach Westen deutlich mächtiger werdenden Schichten der Eltviller Tuff erhalten ist, welcher erlaubt, diesen Bereich in die letzte Kaltzeit zu stellen (s. dazu auch unter >>>Limburg), ist das Alter der Basis bislang noch nicht genau einzugrenzen. Nach mündlicher Mitteilung von Herrn Prof. Zankl (2004) wurden in diesem Bereich u.a. Stoßzahnfragmente eines Mammuts gefunden, so dass mit Fortgang der Steinbrucharbeiten mit weiteren pleistozänen Großsäugerresten zu rechnen ist. Neben den Lössschichten sind schließlich auch kiesige Lagen, Schwemmlöss und wenigstens ein Interglazialboden aufgeschlossen. In den Lössschichten konnte der Verfasser zudem an mehreren Stellen kaltzeitliche Mollusken nachweisen (u.a. Columella columella u. Pupilla sp.), die bislang jedoch gleichermaßen einer detaillierten Untersuchung harren (zu Quartär-Stratigraphie und Lumineszens-Datierungen s. BRÜCKNER et al. 2005).

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Tiefgründige tertiäre Verwitterungsschichten (Terra rossa), Karstkegel und quartäre Decksedimente (rechts) während einer GEO-Exkursion im Jahr 2004

Bemerkenswert ist schließlich auch ein von Hand ausgehobener, sehr schmaler, mind. 20 m tief reichender Erzschacht, den H. Brückner 2003 im Rotlehm am Ostrand des Steinbruchs freilegen konnte (heute nicht mehr zugänglich). Er war (einem Brunnen ähnlich) mit Buchenzweigen ausgekleidet (Holzarten-Bestimmung: H. Rittweger 2003). Eine Radiokohlenstoff-Datierung ergab ein Alter von 108 +/- 32 BP (BRÜCKNER et al. 2005; s.u.). Nach der dendrochronologischen Kalibrierung sind drei Altersbereiche möglich: 1691-1727, 1812-1889 oder 1909-1929. Auch wenn sich das genaue Alter somit nicht erfassen lässt: Dieser ausgeflochtene Schacht ist ein anschaulicher Beleg der Strapazen und Gefahren, die frühere Generationen auf sich nahmen, um Ihr kärgliches Einkommen zu bestreiten bzw. aufzubessern.

Im Bereich des beschriebenen Geotops sind somit auf engstem Raum mannigfaltige Spuren und Belege für unterschiedliche Epochen der Erd-, Natur- und Kulturgeschichte vereint (Devon, Kreide (?), Tertiär, Quartär). Durch wissenschaftliche Exkursionen der Universität Marburg  (2004; u.a. mit Prof. Dr. H. Brückner, Dr. K.-H. Müller u. Prof. Dr. H. Zankl) und der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft (2005) sowie mehrere erdgeschichtliche Erlebnisveranstaltungen (u.a. Kreisheimatstelle des Landkreises Limburg-Weilburg und MObiles LAndschafts MUseum 2003 u. 2004) hat dieses Geotop eine über die Region hinausreichende Bedeutung erlangt (s. entsprechende Berichte u. Artikel im  >>> Archiv).

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Die imposanten Karst-Kegel stoßen nicht nur auf wissenschaftliches sondern auch auf breites Interesse in der lokalen Bevölkerung (Geo-Exkursionen im Jahr 2004: Universität Marburg (links) u. 2003: Erlebnis-Exkursion "Vom Vulkan zur Eiszeitsteppe" Kreisheimatstelle des Landkreises Limburg-Weilburg und MOLAMU (rechts).

Aufgrund der beschriebenen Vielfältigkeit bei entsprechend hohem naturgeschichtlichen Informationsgehalt sowie des besonderen Erlebniswertes, der sich mehrfach durch die Resonanz auf die durchgeführten Exkursionen zeigte,  hatte ich mich im Jahr 2004 entschlossen, ein Kurzgutachten nebst Antrag zur Aufnahme in die "Liste der bedeutendsten Geotope in Deutschland" zu verfassen.  Leider wurde der Antrag, der auch vom Landkreis Limburg-Weilburg (vertreten durch Herrn Landrat Dr. M. Fluck, Herrn B. Kexel von der Kreisheimatstelle sowie Herrn E. Mascus vom Amt für den ländlichen Raum), der Stadt Runkel (vertreten durch Herrn Bürgermeister H.-J. Heil), der Universität Marburg (FB Geographie: Prof. Dr. H. Brückner, Dr. K. H. Müller; FB Geologie: Prof. Dr. H. Zankl) sowie vom Steinbruchbetreiber (Fa. Schaefer Kalk KG) unterstützt wurde, negativ beschieden.

Da die Kegelkarstbildungen im Randbereich des Steinbruchs liegen, ist ein Konflikt mit dem laufenden Abbaubetrieb zwar weitgehend ausgeschlossen. Ein dauerhafter Schutz dieses in der Region einzigartigen Beleges ehemaliger tropisch-subtropischer Lösungsverwitterung und von Lebensgemeinschaften aus mehreren geologischen Epochen ist jedoch bislang nicht sichergestellt.

Für den Geopark Westerwald-Lahn-Taunus wäre ein öffentlich zugängliches Geotop "Kegelkarst Runkel-Hofen" von ganz besonderer Bedeutung, da "Marmor, Stein und Eisen" hier in einzigartiger Weise gemeinsam "sprechen".  In ein diesbezügliches geodidaktisches Gesamtkonzept sollten schließlich auch die im SW anschließenden älteren Massenkalk-Steinbrüche (bei Runkel-Steeden) einbezogen werden. In diesem Bereich lag auch die ehemalige "Steinzeit-Höhle" >>> Wildscheuer, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts dem Kalkabbau weichen musste.

© Dr. H. Rittweger / MObiles LAndschaftsMUseum 2011

 

Geotop Kegelkarst Schneelsberg / Runkel-Hofen im Sommer 2011. Wie zu erwarten hat die Verbuschung mit Birken und Weiden weiter zugenommen.

 

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Das MOLAMU stellt Ihnen/Euch an dieser Stelle Informationen zu speziellen Themen der Natur- und Erdgeschichte zur Verfügung und ist dabei stets bemüht, diese auf den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu bringen. Dennoch könnten sich Fehler einschleichen. Für diesbezügliche Hinweise sind wir deshalb dankbar.

Da sich das MOLAMU somit immer der öffentlichen Diskussion stellt, würden wir uns auch freuen, wenn  bei Weiterverwendung dieser Informationen nicht vergessen wird, die Quelle anzugeben.

Vielen Dank!

Literaturempfehlung und weitergehende Informationen:

BRÜCKNER, H., HOTTENROTT, M., KELTERBAUM, D., MÜLLER, K.-H., RITTWEGER, H, ZANDER, A. & H. ZANKL: (2005): Karst und Paläoböden im Limburger Becken. – In: Felix-Henningsen, P., Kühn, P. & C. Opp (Hrsg.): Exkursionsführer. Jahrestagung der DBG 2005 in Marburg. Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft (DBG), Bd. 105: 103-112; Oldenburg.   (>>> www.staff.uni-giessen.de/~gh1694/G5.pdf)

HENTSCHEL, H. & J.-D. THEWS (1979): Erläuterungen zur Geologischen Karte von Hessen 1:25.000, Blatt Nr. 5514 Hadamar. Wiesbaden.

MÜLLER, K. H. (1973): Zur Morphologie des zentralen Hintertaunus und des Limburger Beckens. – Marburger geogr. Schr. 58. Marburg.

RITTWEGER H. (2003): Eiszeit - Steinzeit - Mittelalter. Zeitspuren und archäologische Denkmäler unter dem Dienstleistungszentrum am Limburger ICE-Bahnhof. In: Jahrbuch des Kreises Limburg-Weilburg 2003: 259-269. Limburg.

RITTWEGER, H. (2004): Zur geowissenschaftlichen Bedeutung des Geotops "Kegelkarst Runkel-Hofen" - Fachgutachten / Vorschlag zur Aufnahme in die "Liste der bedeutendsten Geotope in Deutschland" der "Akademie der Geowissenschaften zu Hannover e.V.

Topografische Karte: TK 25, Blatt 5514 Hadamar / Koordinaten (Gauß-Krüger): Rechtswert: 343962/ Hochwert: 558876

 

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02.06.2017