(Der nachfolgende, leicht geänderte  Beitrag ist im: Jahrbuch für den Kreis Limburg-Weilburg 2003, S.259-269, Hrsg. v. Kreisausschuss d. Landkreises Limburg-Weilburg, erschienen. Aufgrund der Fülle unterschiedlichster Befunde können hier nur die wichtigsten Ergebnisse der bisherigen archäologischen und geoarchäologischen Baubegleitung wiedergegeben werden.)

 EISZEIT - STEINZEIT - MITTELALTER

ZEITSPUREN UND ARCHÄOLOGISCHE DENKMÄLER UNTER DEM DIENSTLEISTUNGSZENTRUM

 AM LIMBURGER ICE-BAHNHOF

von Dr. Holger Rittweger

- key words: Ice age, loess, Eltviller Tuff, stone age, middle ages, Germany,

Archäologie, Geoarchäologie, Löss, Lösskindl, Lackprofil, Frostmusterboden, Polygonboden, 

Schlitzgruben, Jungsteinzeit, Materialentnahmegruben, Mittelalter - 

 

Abb. 1. Das ICE-Gelände aus der Luft. Im östlichen Teil (links) sind zwischen den Straßentrassen zahlreiche durch Planen abgedeckte, bislang noch nicht dokumentierte archäologische Befunde sowie die Grabungshütte zu erkennen (vgl. Übersichtsplan [unten]; Photo: Sascha Braun, 2002).

 

1. SPURENSUCHE

Das Limburger Becken und der anschließende Goldene Grund gehören zu den mitteleuro- päischen Altsiedellandschaften, in denen unsere Vorfahren besonders zahlreiche Spuren ihres Wirkens hinterlassen haben. Hier liegt die Keimzelle für die erst viel später erfolgte Besiedlung der umliegenden Mittelgebirge. Bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts sind im Zuge des Autobahnbaus in der Nähe des heutigen ICE-Bahnhofs jungsteinzeitliche Siedlungsspuren bekannt geworden, für die eine weitere Verbreitung zu vermuten ist. Diese frühe Phase der Menschheitsgeschichte zwischen ca. 5.500 und 2.500 v. Chr. ist für den ländlichen Raum von besonderer Bedeutung, weil sie den Beginn der Landwirtschaft markiert. Da für diesen Zeitraum keinerlei schriftliche Überlieferungen vorliegen, sind die unter der Bodenoberfläche erhaltenen archäologischen Befunde die einzig verbliebenen Informationsquellen und deshalb von großem Wert für die Kultur- und Naturgeschichtsforschung. Die Gefahr, im Bereich der im Entstehen begriffenen ICE-Stadt möglicherweise einmalige Zeugnisse aus Limburgs Vergangenheit zu zerstören, war deshalb zu groß, um nicht bereits im Vorfeld nach Möglichkeiten einer denkmalfachlichen Begleitung der Baumaßnahmen zu suchen.

Als gerade wieder im Kreisgebiet ansässig gewordener und nach Ansicht des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Abt. für Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege "denkmal-fachlich geeigneter Wissenschaftler", wurde ich deshalb im Februar 2001 dem Magistrat der Stadt Limburg für die Durchführung einer archäologischen Baubegleitung vorgeschlagen. So kam es zum Abschluss zweier Verträge: zum einen über die Beobachtung der Tiefbauarbeiten und zum anderen über die bereits nach wenigen Tagen erforderliche Notbergung diverser archäologischer Funde. 

Steht man heute vor dem fertiggestellten ICE-Bahnhofsgebäude, lässt die aktuelle Topographie nichts mehr von der Situation im Sommer 2001 erahnen. Damals waren tiefe Schluchten in den Boden gefräst - die späteren Straßentrassen. Wenig später wurden auch die dazwischen liegen- den Areale abgetragen und bis zu 3 m tiefergelegt. Bagger und Planierraupen waren pausenlos im Einsatz; es reihten sich LKW an LKW, die enorme Mengen besten Ackerbodens abtranspor- tierten. Aufgrund der auf einer Gesamt-Fläche von mehr als 300.000 m2 an unterschiedlichen Stellen gleichzeitig durchgeführten Baggerarbeiten war es völlig unmöglich, alle Boden-Anomalien zu beobachten, so dass sicher nicht wenige Befunde undokumentiert zerstört wurden und dadurch unwiederbringlich verloren gingen - hier archäologisch tätig zu sein, erforderte ein hohes Maß an Frustrationstoleranz. 

2. "ALS IN DER LIMBURGER STEPPE NOCH MAMMUTE GRASTEN ..."

Dennoch konnten neben zahlreichen archäologischen Denkmälern auch bemerkenswerte naturhistorische Befunde dokumentiert werden. So wurde unmittelbar vor dem heutigen Eingang des Bahnhofsgebäudes ein mächtiges Lössprofil aus der letzten Eiszeit freigelegt, das einen sehr interessanten Einblick in die Klima- und Landschaftsgeschichte des Limburger Beckens und seiner Randgebiete gestattet. 

Abb. 2. Das eiszeitliche Lössprofil im Bereich des ICE-Bahnhofs. Sommer 2001.

Löss ist eine feinkörnige, ockergelbe, ausschließlich durch Wind verfrachtete Ablagerung. Durch die hochkaltzeitlichen Klimabedingungen im Zeitraum zwischen ca. 15.000 und 40.000 Jahren v. Chr. wurde sehr viel Gesteinsschutt aus den umliegenden Mittelgebirgen (Westerwald und Taunus) in die Bach- und Flussauen (z.B. der Lahn) transportiert. Gleichzeitig wurde das feinere Bodenmaterial während trocken-kalter Phasen ausgeweht und an anderer Stelle als Flugsand bzw. -staub (= Löss) wieder abgelagert. Anhand von Bohrungen und der Ausschachtungs- arbeiten für das ICE-Bahnhofsgebäude konnte festgestellt werden, dass die Lössschichten hier Mächtigkeiten von bis zu 5 m erreichen und Schotter der "Ur-Lahn" überlagern, die in dieser Höhenlage noch vor der Eintiefung des Lahntals abgelagert wurden und deshalb mehr als 1 Mio. Jahre alt sein können.

 

 

Abb. 3. Lösskindl vom Limburger ICE-Bahnhof

 

 

Aufgrund seines Kalkgehaltes erreicht der Löss eine außerordentliche Standfestigkeit, die unter anderem dazu führt, dass in Lössgebieten häufig tief eingeschnittene Hohlwege entstehen. Die im Löss vielfach vorhandenen kleinen rundlichen Steinchen werden als "Lösskindl" oder "Lössmännchen" bezeichnet. Sie sind erst nach der Ablagerung durch die Ausfällung des im Löss vorhandenen Kalkes entstanden und können sehr eigenartige, die Phantasie anregende Formen annehmen (daher der Name).

 

 

Abb. 4. Eiskeilbildung im Eltviller Tuff 

(Ausschnittvergrößerung v. Abb. 2.; weitere Erläuterungen im Text)

 

Sehr auffallend ist das etwa 1 cm mächtige grauschwarze Band im unteren Teil des Profils. Es handelt sich um den sog. "Eltviller Tuff", eine Vulkanasche, die im Zuge eines Vulkan-Ausbruchs in der Eifel vor ca. 20.000 Jahren eingeweht wurde. Bemerkenswert ist, dass diese dünne Schicht hier nicht horizontal verläuft, sondern in regelmäßigen Abständen durch kleine keilförmige Ausbuchtungen nach unten in den unterlagernden Löss hineingreift. Dies ist auf die Bildung sog. Eiskeile zurückzuführen, die hier sehr anschaulich die kaltzeitlichen Klima-Bedingungen (Permafrost) dokumentieren. Zunächst entstanden an der Bodenoberfläche Frostrisse, die sich während kurzer Auftau-Phasen mit Wasser füllten, das jedoch in regelmäßigen Abständen wieder gefror. Durch das sich innerhalb der Risse ausdehnende Eis wurden die umgebenden Bodenbereiche zusammengedrückt und dadurch aufgewölbt. Da sich diese kleinen Eiskeile zu ausgedehnten polygonalen (vieleckigen) Mustern verbanden, entstand auf weiter Fläche ein Netz aus schmalen Vertiefungen und dazwischenliegenden Buckeln. Gleichzeitig wurde die grauschwarze Vulkanasche eingeweht und zeichnet so im ockergelben Löss die von Frost und Eis geschaffene Oberfläche nach.

 

Abb. 5. Schematische Darstellung der Entstehung eines Polygon- (= Frostmuster-) bodens; Erläuterung

 im Text. (verändert nach CATT, J.A. (1992): Angewandte Quartärgeologie. Stuttgart.)

 

Allein diesem Umstand ist zu verdanken, dass diese eiszeitlichen Formungsprozesse hier in solch kontrastreicher Form zu beobachten sind. Der Eltviller Tuff bildet so im Bereich des Limburger ICE-Bahnhofs einen ausgedehnten Frostmusterboden (Polygonboden), der im horizontalen Anschnitt dem Muster eines Giraffenfells gleicht.

 

Abb. 6. Der Limburger Frostmusterboden im horizontalen Anschnitt 

(helle Bereiche = Löss, dunkel gefärbte Partien = Eltviller Tuff

[in drei unterschiedlich gefärbten Einzellagen])

 

Dieser selten schöne und bislang einmalige Befund gab Anlass zu der Überlegung, dieses landschafts- und klimageschichtliche Dokument dauerhaft als Lackprofil zu konservieren, um es einer musealen Nutzung zuführen zu können. Die dazu notwendigen finanziellen Mittel wurden dankenswerterweise vom Landkreis Limburg-Weilburg zu Verfügung gestellt, der nun über ein in Europa wohl einzigartiges Ausstellungsobjekt verfügt. Vom wissenschaftlichen und gleichsam ästhetischen Wert dieser Exponate konnten sich erstmals die Besucher der Tagung "Die Alte Stadt" im April 2002 in der Josef-Kohlmaier-Halle überzeugen. Einer der Lackab- güsse soll zukünftig das neu entstandene Bahnhofsgebäude schmücken und kann so auch dazu dienen, Durchreisende auf die landschaftlichen Attraktionen in der Region aufmerksam zu machen.

 

Abb. 7. Dipl.-Geogr. B. Kopecky (Büro für Bodenkunde und Geoarchäologie) 

während der Herstellung des Lack-Abgusses im Herbst 2001

 

An der wissenschaftlichen Auswertung des Profils sind inzwischen mehrere deutsche Uni- versitäten beteiligt; abschließende Untersuchungen liegen jedoch derzeit noch nicht vor. Dennoch kann bereits jetzt festgestellt werden, dass mit diesem Lössprofil ein landschafts- und klimageschichtliches Archiv aufgeschlossen ist, das weit über den Limburger Raum hinaus von Bedeutung ist.

Abb. 8. Eingang der ehemaligen Höhle "Wildscheuer" bei Runkel-Steeden
(nach einer alten Aufnahme im Museum Wiesbaden, Bildarchiv der Sammlung Nassauischer Altertümer)

Dass - wie in der Überschrift behauptet - zur fraglichen Zeit in Limburg tatsächlich einmal Mammute grasten, zeigen die Funde aus der ehemaligen, nur ca. 3 km entfernten Höhle "Wildscheuer" bei Runkel-Steeden, die leider in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Zuge des Kalksteinabbaus zerstört wurde. Dieses in Hessen einzigartige archäologische Denkmal wäre heute sicher eine sehr lukrative Touristenattraktion. Neben zahlreichen eiszeitlichen Tier- resten wurden hier auch Stein- und Knochenwerkzeuge (Artefakte) altsteinzeitlicher Men- schen gefunden, die keinen Zweifel darüber offen lassen, dass die Limburger Steppe während der letzten Eiszeit auch von altsteinzeitlichen Jägern durchstreift wurde, die in den Lahntal-Höhlen Schutz vor den extremen Klimabedingungen suchten. Gerade diese Zusammenhänge machen die eiszeitlichen Funde am ICE-Bahnhof so interessant; sie eignen sich deshalb in besonderem Maße für eine attraktive und lebendige museale Präsentation.

Als sich das Klima vor etwa 11.000 Jahren allmählich milderte, entstanden auf dem eiszeitlichen Löss sog. Pararendzinen und Schwarzerden (Tschernoseme), die zu den fruchtbarsten Böden der Erde zählen. Auch im Limburger Becken und dem (sprichwörtlichen) "Goldenen Grund" sind die Lössböden der Güteklasse 1 als das Fundament des Wohlstandes der Bauern zu betrachten. Schwarzerden sind vor allem durch eine hohe Aktivität bodenwühlender Organismen (v.a. Regenwürmer u. Nagetiere) gekennzeichnet, die entscheidend zur Erhaltung dieses Bodentyps beitragen. Nach der gängigen Lehrmeinung sollen sich diese Böden erst unter den immer dichter werdenden nacheiszeitlichen Laubwäldern allmählich in die heute vorhandenen sog. Parabraunerden mit einem kräftigen Tonanreicherungshorizont im Unterboden (Bt) verwandelt haben. 

Durch das entnommene Lackprofil ist es gelungen, auch diese jüngeren Prozesse zu konser- vieren. So könnten z.B. die im oberen Bereich des Profils zu erkennenden, mit dunklerem Material gefüllten Nagergänge (sog. Krotowinen) noch auf Bodenwühler der frühen Nacheiszeit wie Hamster oder Ziesel zurückgehen und würden so so das ehemalige Steppen-Klima dokumentieren.

3. GRUBEN, SCHERBEN, KNOCHEN, ...

Die besondere Fruchtbarkeit der Lössböden war vor mehr als 7.000 Jahren auch schon den ersten Ackerbauern in Mitteleuropa bekannt, denn nahezu alle archäologischen Fundplätze der jungsteinzeitlichen Kulturstufe der sog. Linearbandkeramik sind an diese Standorte gebunden. So auch im Bereich des Limburger ICE-Bahnhofs, wo die bislang dokumentierten archäolo-gischen Befunde keinen Zweifel darüber offen lassen, dass dieses Gebiet schon während der Jungsteinzeit vor ca. 4000-7500 Jahren besiedelt war. Aus der Fülle der inzwischen mehr als 50 dokumentierten archäologischen Denkmäler können nachfolgend jedoch nur einige wenige Beispiele herausgegriffen werden, die jedoch einen Eindruck von der Vielfalt der Bodenfunde geben können.

Abb. 9. In landwirtschaftlich genutzten Gebieten sind archäologische Denkmäler auch ohne Baumaßnahmen durch die Bodenerosion und das Tiefpflügen stark gefährdet (aus: „Ursprünge“; Hrsg. v. Hess. Min. f. Wissenschaft u. Kunst u. v. Landesamt f. Denkmalpfl. Hessen (2001); verändert).

 

Da die ehemalige Bodenoberfläche aus der damaligen Zeit heute längst abgetragen ist, bleiben als Informationsquellen nur die Reste der von den jungsteinzeitlichen Menschen geschaffenen künstlichen Eintiefungen in den gewachsenen Boden (Gruben). Sie zeichnen sich als meist regelhafte, mit dunklerem Oberbodenmaterial gefüllte Verfärbungen unter dem Pflughorizont ab. An ihrer mannigfaltigen Form ist abzulesen, dass sie zu unterschiedlichen Zwecken angelegt wurden. Im Zuge des Hausbaus wurden z.B. metertiefe Pfostengruben zur Fundamentierung der schweren Baumstämme ausgehoben. Hausbegleitend wurden zudem Lehmentnahme-gruben angelegt; der entnommene Lehm diente dem Verputz der Holzhäuser, die Gruben später der Abfallentsorgung. Daneben wurden auch unterirdische Nahrungsmittelspeicher ausgehoben, die unterschiedliche Formen aufweisen können. 

 

Eine Sonderform stellen sog. Schlitzgruben dar, die auf dem ICE-Gelände in auffallender Häufung anzutreffen sind - ein Befund, für den es in Hessen bislang keine Parallelen gibt. Ihre Funktion ist bis heute nicht befriedigend geklärt; nach Ansicht mancher Archäologen dienten sie dem Gerben von Fellen oder zur Textilherstellung. In diesem Zusammenhang verdient sicherlich der bislang noch nicht ausgegrabene Befund 53 besondere Beachtung, wo eine Schlitzgrube an einem Ende von einer kreuzförmig angeordneten Dreifach-Pfostensetzung begleitet ist (nicht abgebildet).

 

Abb. 10. Limburg ICE-Bahnhof; Befund 5, Planum 1. Die mit dunklem Oberbodenmaterial gefüllte Grube zeichnet im horizontalen Anschnitt (Planum) die Form einer liegenden Acht nach.

Abb. 11. Limburg ICE-Bahnhof; Befund 15, Planum 1. Eine annähernd kreisrunde, sich nach unten glockenförmig erweiternde Vorrats-Grube (?) mit (von rechts) "einmündender" Schlitzgrube. Die Funktion dieser außergewöhnlichen und nach der Bodenentwicklung recht alten (wahrscheinlich jungsteinzeitlichen) Grube ist bislang unbekannt.

Abb. 12. Limburg ICE-Bahnhof; Befund 5, Profil 1. Im 

vertikalen Anschnitt (Profil) ist zu erkennen, dass es sich bei Befund 5 (vgl. Abb. 10) um eine tiefreichende Doppel- Pfostensetzung handelt, die im unteren Bereich den Eltviller Tuff schneidet. Nach dem Verfaulen des Holzes, floss das schwarzbraune Oberbodenmaterial in die künstlich entstandene Hohlform.

Abb. 13. Limburg ICE-Bahnhof; Befund 14, Profil 1 u. Planum 1. Sehr schmale und tiefreichende Schlitzgrube mit leicht abgerundeten Enden. Bislang konnten mehr als 15 dieser bemerkens- werten Bodendenkmäler auf engstem Raum dokumentiert werden.

Abb. 14. Limburg ICE-Bahnhof; Befund 4. 

Vorgeschichtliche Keramik mit grober Milchquarz-

Magerung, die mit einiger Wahrscheinlichkeit in das 

Jung- bis Endneolithikum einzuordnen ist.

Abb. 15. Limburg ICE-Bahnhof. Jungsteinzeitliche 

Pfeilspitze aus nordischem Feuerstein.

 

 

 

Nach den bisherigen Keramikfunden dürfte ein Teil der Gruben bereits in das Jung- oder End-neolithikum (= jüngere bis späte Jungsteinzeit; ca. 3500-2500 v.Chr.), möglicherweise in die sog. Wartbergzeit (Megalith-Kultur) datieren (mündliche Mitteilung Prof. Dr. L. Fiedler u. Dr. E. Pachali, Landesamt f. Denkmalpflege Hessen). Damit ergäbe sich eine sehr interessante Verbin-dung zu den in der Nähe bekannten Steinkammergräbern (z.B. bei Beselich-Niedertiefenbach oder Hadamar-Niederzeuzheim). Diese für die Regionalgeschichte bedeutsame Frage muss durch weitere Untersuchungen geklärt werden. Sollten auch die mit fast 2,0 m bemerkenswert tief erhaltenen Pfostensetzungen in diesen Zeitraum datieren (s. Abb. 10 u. 12), lägen am Limburger ICE-Bahnhof die bislang einzigsten derartigen Befunde für Hessen vor.

 

Abb. 16. Rekonstruiertes jungsteinzeitliches Haus im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen. 

Die schweren Holzpfosten sind zur Fundamentierung tief in die Erde eingelassen. 

 (vgl. Profilschnitt v. Befund 5, Abb. 12.).

Neben der Keramik geben auch die übrigen menschlichen Hinterlassenschaften (Artefakte), z.B. Werkzeuge aus Knochen oder Stein, Auskunft über das Alter und die Nutzung der Gruben. Anhand moderner Analysemethoden lassen sich aus den Grubenfüllungen jedoch noch sehr viel weitergehende Informationen gewinnen, als gemeinhin bekannt ist. Mittels bodenchemischer Analysen kann z.B. die Anreicherung bestimmter Stoffe nachgewiesen werden. Die Tierknochen erlauben Rückschlüsse auf die frühe Haustierhaltung sowie den Umfang und die Methoden der Jagd. Eine Informationsquelle der besonderen Art stellen daneben die verkohlten Pflanzenreste dar: Durch die Radio-Kohlenstoffdatierung der enthaltenen Holzkohlen kann z.B. das Alter der Grubenbefunde relativ genau ermittelt werden. Mit den Methoden der Archäobotanik können zudem die verwendeten Holzarten bestimmt werden. Die verkohlten Samen und Früchte geben darüber hinaus Auskunft über die Art und Technik des Ackerbaus sowie die verwendeten Nutz-pflanzen und erlauben z.T. sogar, das Bild der damaligen Landschaft in Grundzügen zu rekon-struieren. Es handelt sich demnach nicht um Dreck, wie mancher Zeitgenosse meinen mag, sondern um eine sehr bedeutende und auch die einzige (!) Informationsquelle für die Geschichte unserer frühen Landwirtschaft, weshalb gerade die auf bäuerlichen Traditionen fußende Landbe-völkerung ein besonderes Interesse an einer Auswertung haben sollte. Um diese wichtigen Archive für zukünftige Untersuchungen zu sichern, wurden deshalb aus fast allen Grubenfüllungen Bodenproben für eine spätere Bearbeitung entnommen.

 

Abb. 17. Limburg ICE-Bahnhof; Befund 32, Planum 1. Ovale mittelalterliche Materialentnahmegrube im 

Bereich des zukünftigen Stadtplatzes. Der größte Durchmesser beträgt 9,50 m bei einer Tiefe bis zu 3,0 m.

Abb. 18. Limburg ICE-Bahnhof; Befund 38, Profil 1. Mittelalterliche Materialentnahmegrube im Bereich des Bahnhofgebäudes (Durchmesser = 11,0 m). Leider wurde dieser Befund im Zuge des Bahnhofbaus ohne Ankündigung zerstört, so dass die Form der Grube nicht ermittelt werden konnte.

Neben den mannigfaltigen vorgeschichtlichen Befunden muss auch den zahlreichen außergewöhn-lich großen und tiefen Materialentnahmegruben besondere Beachtung zukommen, die nach den bislang geborgenen Keramikresten sämtlich in das Mittelalter datieren. Sie liegen in unterschied-lichen Formen vor (langgestreckt - quadratisch - rechteckig - oval) und erreichen Durchmesser bis zu 20 m. Bei einer Tiefe von z.T. mehr als 3 m müssen hier Tausende von Kubikmetern Löss und Lehm entnommen worden sein. Interessant sind die an einigen Stellen erhaltenen Spuren von Spatenstichen sowie die im Bereich der Grubensohlen entdeckten Wagenspuren, die Auskunft über den Abtransport des Bodenmaterials geben. Es ist anzunehmen, dass das kalkhaltige Löss-material zur Düngung ertragsärmerer Äcker (mündliche Mitteilung Dr. R. Gerlach, Rheinisches Amt f. Bodendenkmalpflege), das Lehmmaterial im Oberboden (Bt-Horizont) hingegen zu Bauzwecken verwendet oder zu Ziegeln gebrannt wurde. Möglicherweise besteht hier ein Zusammenhang mit dem frühen Limburg, was jedoch nur durch weitergehende Analysen geklärt werden kann.

 

Abb. 19. Limburg ICE-Bahnhof. Auswahl mittelalterlicher Keramikreste aus den Befunden 29 und 37 (Materialentnahmegruben). Oben links: Fragment eines Spinnwirtels; die beiden unteren Stücke 

tragen Reste einer Bemalung nach sog. "Pingsdorfer Art".

 

Schließlich sei ein besonderer Befund in einer östlich des zukünftigen Stadtplatzes freigelegten Grube erwähnt. Hier wurde im Herbst 2001 das vollständige Skelett eines kleinen Rindes entdeckt. Aufgrund der Bodenentwicklung war diesem Befund aus geoarchäologischer Sicht zunächst kein allzu hohes, vielleicht mittelalterliches-neuzeitliches Alter zuzuweisen. Dennoch musste diesem Befund besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, da an der Lage der Knochen zu erkennen war, dass das Tier nicht in Gänze vergraben, sondern in noch befleischten Einzelstücken sehr ordentlich in eine eigens für diesen Zweck ausgehobene rechteckig-ovale Grube gelegt wurde (Diesen Hinweis verdanke ich meinem Kollegen Dr. Michael Wuttke [Landesamt f. Denkmalpflege Rheinland-Pfalz, Ref. Erdgeschichtliche Denkmalpflege, Mainz]). Es könnte sich demnach um eine Opfergabe handeln. 

Abb. 20. Limburg ICE-Bahnhof, Befund 16, Planum 2. Skelett eines Kalbes. 

Das Becken liegt im Bereich des Kopfes, der Brustkasten ist umgedreht, 

die Beine wurden auf der rechten Seite "ordentlich" übereinandergelegt.

Da der Fortgang der Bauarbeiten nicht behindert werden sollte, wurde das Skelett mit Hilfe von Dipl.-Geol. Th. Keller und Frau A. Sander (Landesamt f. Denkmalpflege Hessen, Abt. Paläontologische Denkmalpflege) eingegipst und mit tatkräftiger Unterstützung des Städtischen Betriebshofs im Block geborgen. Dazu wurde eigens ein Holzkasten gebaut, der mit einer angeschärften Eisenplatte mittels Hydraulik-Pumpe unterschnitten wurde. Nur so konnte ohne Zeitdruck über das weitere Vorgehen entschieden werden.

Inzwischen liegt eine Radio-Kohlenstoffdatierung der Knochen vor. Nach einer brieflichen Mitteilung von  Prof. Dr. P.M. Grootes (Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopen-forschung, Christian-Albrechts-Universität Kiel) liegt das kalibrierte Alter der Knochen (Probe KIA 19000) entweder zwischen 1520 u. 1589 n.Chr. oder zwischen 1624 u. 1659 n.Chr., sie könnten demnach z.B. in den 30-jährigen Krieg datieren. Damit bestätigt sich zwar die aufgrund der Bodenentwicklung zu vermutende relativ junge Zeitstellung. Dennoch sollte diesem Befund, der bislang unbearbeitet in einem Depot der Stadt Limburg lagert, besondere Aufmerksamkeit zukommen, da er ein sehr interessanter Beleg für den Aberglauben der ländlichen Bevölkerung in der Frühen Neuzeit sein könnte, für den es sicher nicht viele Parallelen gibt.

4. EIS-(ZEIT)-CAFÉ ?

Als Resümee der bisherigen Untersuchungen kann festgestellt werden, dass im Bereich des Limburger ICE-Bahnhofs eine Reihe von archäologischen Denkmälern gefunden wurden, deren undokumentierte Zerstörung als großer Verlust der regionalen Kultur- und Naturgeschichte zu werten wäre. Dabei sind alle bisherigen Arbeiten als Minimallösung zu betrachten, die von einer eigentlich angemessenen wissenschaftlichen Ausgrabung weit entfernt sind.

Von den entdeckten Befunden wurden unter meist hohem Zeitdruck Photos und Zeichnungen angefertigt und nach der Vermessung die wichtigsten Funde mittels Notbergungen entnommen. Dass es trotz dieser Umstände gelungen ist, jegliche Bauverzögerung zu vermeiden, ist keineswegs selbstverständlich, und es hat sich erneut bewährt, stets den "kleinen Dienstweg" zu bevorzugen. Ermöglicht wurde dies aber auch durch die gute Kooperation mit der Stadt Limburg, insbesondere mit dem Tiefbauamt und der Unteren Denkmalschutzbehörde, sowie durch die Möglichkeit, auf die qualifizierte Mitarbeit des städtischen Betriebshofes zurückgreifen zu können, der mit Klein-Bagger und technischem Know-how zur Seite stand.

 

Abb. 21. Übersichtsplan zum Stand der archäologischen Dokumentation am Limburger ICE-Gelände. Auch im Winter 2004 sind viele bereits bekannte Befunde noch nicht dokumentiert und nur notdürftig abgedeckt. 

 Der größte Teil der Fläche (jenseits der Straßentrassen) ist noch nicht untersucht.

 

 

Am Ende bleibt zu hoffen, dass es gelingt, auch die verbliebenen archäologischen Denkmäler wenigstens so zu dokumentieren, dass nachfolgende Generationen erfahren können, was dort einmal war. Viele Befunde sind derzeit nur halb - oder noch gänzlich unausgegraben und nur notdürftig mit Folien abgedeckt. Was alles noch unter den zwischen den Straßentrassen liegenden Privatgrundstücken verborgen liegt, kann niemand sagen. Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen ist derzeit weder personell noch finanziell in der Lage, hier für eine angemessene Bergung zu sorgen und die Stadt Limburg wohl allein auf Dauer überfordert. Somit bleibt der Appell an alle in politischer Verantwortung Stehenden, aber auch an alle interessierten Privatpersonen, alles Mögliche zu versuchen, diese für unsere Geschichte bedeutenden Spuren wenigstens zu dokumentieren, um sie für die Nachwelt zu erhalten. 

Die Pfostensetzungen zeigen, dass bislang wenigstens ein vorgeschichtlicher Hausgrundriss erfasst ist. Sollte er - wie die Funde aus den begleitenden Gruben vermuten lassen - in die jüngere Jungsteinzeit datieren, wäre dies ein für Hessen sehr seltener Befund (eine Radio-Kohlenstoff-datierung konnte bislang nicht finanziert werden). Somit sind hier möglicherweise die einzigen verfügbaren Informationen aus dieser Phase der regionalen Vorgeschichte erhalten ! Es geht deshalb nicht um die Behinderung des Fortschritts, sondern um die Wahrung unserer eigenen Identität, Umwelt und Geschichte.

Dass damit mittelfristig nicht nur finanzielle Lasten verbunden sind, liegt auf der Hand, denn es ist heute keine neue Erkenntnis mehr, dass neben einer funktionierenden Infrastruktur auch eine intakte, abwechslungsreiche und interessante Landschaft zu den wichtigen Standortfaktoren gehört, nicht nur in touristischer Hinsicht. Aus einer musealen Präsentation dieser und weiterer im Kreisgebiet vorhandener Funde ergäben sich z.B. mannigfaltige Möglichkeiten im Bereich des zunehmend gefragten Erlebnis-Tourismus. Es wäre deshalb zu empfehlen, auch von einem der archäologischen Befunde - z.B. von einer Schlitzgrube als frühes technisches Denkmal - ein Lackprofil anfertigen zu lassen. Dies wäre ein bislang einzigartiges Ausstellungsobjekt von hohem didaktischem Wert, da an ihm unter anderem die gesamte nacheiszeitliche Bodengeschichte sehr anschaulich und verständlich dargestellt werden kann.

Neben einer musealen Präsentation könnte aber auch auf dem ICE-Gelände selbst eine dauerhafte Präsentation der Zeitspuren in Erwägung gezogen werden. So hätte die von mir bereits während eines Vortrages geäußerte Idee zur Errichtung eines "Eis-(Zeit)-Cafés" auf dem zukünftigen Stadtplatz inmitten moderner Architektur sicher einen besonderen Reiz und wäre in Deutschland als Einmaligkeit zu betrachten, die besondere Aufmerksamkeit erfahren würde. Im Café könnten z.B. der Eiszeitboden im Original zu sehen sein und weitere Funde zur Ausstellung gebracht werden. So wird manchem Durchreisenden oder Berufspendler sicher schon einmal der mit Gras bewachsene Hügel vor dem Bahnhofsgebäude aufgefallen sein. Hier wurde aus diesem Grund mitten auf dem Stadtplatz ein Teilbereich des Originalbodens erhalten und mit Erde abgedeckt. Wenn es in der Zukunft gelänge, in der ICE-Stadt bei hohem Publikumsverkehr auf weitere landschaftliche Attraktionen in der Region aufmerksam zu machen, wäre dies eine Investition, von der viele Gemeinden des Landkreises profitieren könnten ... 

Dr. H. Rittweger, November 2004

Nachtrag, 13.04.2010:

Für weitere teils bemerkenswerte Informationen und Befunde sei auf die bislang unveröffentlichten Grabungsberichte:

RITTWEGER, H. (2006 a): Archäologische Baubegleitung: Dienstleistungszentrum am ICE-Bahnhof Limburg; Kampagnen 2001-2002 - unveröff. Grabungsbericht / Fach-Gutachten (77 Seiten; incl. 175 Dia-Postive u. 45 DIN-A-3-Bögen m. farbigen Befundzeichnungen) i.A. d. Landesamt f. Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden.

RITTWEGER, H. (2006 b): Archäologische Baubegleitung Limburg ICE-Bahnhof (Dokumentation von Bodendenkmälern im Bereich "Business-Tower") - unveröff. Grabungsbericht / Fach-Gutachten i.A. Landesamt f. Denkmalpflege Wiesbaden.

RITTWEGER, H. (2006 c): Archäologische Baubegleitung Limburg ICE-Bahnhof (Dokumentation von Bodendenkmälern im Bereich "Amt für Bodenmanagement") - unveröff. Grabungsbericht / Fach-Gutachten i.A. d. Magistrats der Stadt Limburg.

hingewiesen, die dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen und der Stadt Limburg vorliegen.

hier ein Auszug aus den Kapiteln "Geoarchäologie" und "Interpretation":

...  Um für eventuelle nachfolgende naturwissenschaftliche Detailuntersuchungen auf Originalmaterial zurückgreifen zu können, wurde aus Lössprofil 1 (Abb. 28) zusätzlich ein Kastenprofil entnommen, das zusammen mit den Bodenproben aus den archäologischen Befunden (s. Kap. 1) im Depot des städtischen Betriebshofes in Limburg-Staffel aufbewahrt wird. Daneben wurde hier auch eine Lumineszenzdatierung der Lösse veranlasst, die dankenswerterweise von Herrn Prof. Dr. U. Radtke und Mitarbeitern (Geochronologisches Labor der Universität zu Köln) durchgeführt wurde. Schließlich wurde in Kooperation mit den Kollegen Prof. Dr. H. Thiemeyer und Dr. R. Dambeck (Inst. f. Physische Geographie der Universität Frankfurt) südöstlich von Lössprofil 2 auch ein Bagger-Tiefschnitt angelegt, um so auch die liegenden Lössschichten beproben zu können. Eine abschließende Auswertung der gewonnenen Daten steht nach Auskunft von Dr. R. Dambeck (November 2006) bislang noch aus.

Auf den obersten Lösshorizont folgte im gesamten Untersuchungsgebiet ein kräftig entwickelter Bt-Horizont (= Tonanreicherungshorizont) einer Parabraunerde. Stellenweise ist zwischen Bt- und C-Horizont auch ein Bv-Horizont ausgebildet. Die in vorgeschichtlicher Zeit künstlich ausgehobenen und mit Oberbodenmaterial gefüllten Gruben führten durch die ver-änderte Wasserzügigkeit und der einhergehenden stärkeren Verwitterung im Unterboden stets dazu, dass die B-Horizonte hier nach unten „ausbeulten“, d.h. deutlich tiefer reichten und die Form der Gruben im Liegenden nachzeichneten (s. z.B. Abb. 11 u. 15). Im horizontalen Anschnitt (Planum) waren die Gruben deshalb stets von einem stärker verwitterten Bereich (B-Horizont / sog. „Halo“) umgeben (s. z.B. Abb. 23).

Über dem Bt-Horizont folgte in aller Regel ein tonverarmter, meist um 30 cm mächtiger Ap(l)-Horizont (Pflughorizont). Stellenweise war zwischen diesen beiden Horizonten noch ein weiterer, stark lessivierter Al-Horizont entwickelt (s. Profilzeichnungen). Daneben waren auch kolluvial bzw. durch künstlichen Bodenauftrag (Melioration) überdeckte sowie Berei-che mit deutlich dunklerem und mächtigerem Oberboden zu erkennen, die auf eine „Schwarzerdevergangenheit“ (bzw. Brandrodung etc.) schließen ließen. Diesen interessanten umweltarchäologischen Fragen konnte im Rahmen der Baubegleitung jedoch keinesfalls nachgegangen werden.

Gleiches gilt für die Frage nach dem Ausmaß der historischen und prähistorischen Bodenabspülung. Wären aufgrund der geringen Hangneigung eher geringe Abtragungsraten zu erwarten, lassen einige archäologische Befunde (z.B. 04, 24 u. 25) erkennen, dass zumindest punktuell mit kräftiger Bodenerosion zu rechnen ist. Dafür sprechen nicht zuletzt die vollständig verfüllten mittelalterlichen Materialentnahmegruben.

Weitere interessante bodenkundliche Phänomene sowie erste archäobotanische Befunde sind schließlich auch im Rahmen der jeweiligen Befundbeschreibungen (s. Kap. 2) festgehalten und sollen deshalb an dieser Stelle nicht wiederholt werden.

...

Auch wenn bislang keine herausragenden Funde zutage getreten sind, ist zu betonen, dass am Limburger ICE-Bahnhof eine Reihe von Bodendenkmälern erfasst sind, die einen interessanten Einblick in die prähistorische und historische Landnutzung gestatten.

Die Fundarmut ist wohl am ehesten dadurch zu erklären, dass es sich (mit Ausnahme der nahe der Haupt-Zufahrt gelegenen Gruben [z.B. Befunde 04, 05, 24 u. 25]) überwiegend um „Offsite“-Befunde handelt, die im weiteren Umfeld ehemaliger Siedlung(en) entstanden sind. Ihre Anzahl und Verteilung auf großer Fläche erlaubt indes einen besonderen Einblick in die Eingriffe unserer Vorfahren im Siedlungsumfeld, was besonders aus umweltarchäologischer Sicht von Interesse ist.

Besondere Beachtung verdienen u.a. die ungewöhnlich tief erhaltenen Pfostengruben (z.B. Befunde 05 u. 30) sowie die zahlreichen unterschiedlichen Schlitzgruben (Befunde 14, 15, 35, 49, 50, 52, 53, 59, 64, 65). Dabei sei auch noch einmal erwähnt, dass Befund 53 eine Schlitzgrube, die an einem Ende von einer kreuzförmig angeordneten Dreifach-Pfostensetzung begleitet ist bislang noch nicht ausgegraben ist.

Nach den Keramikfunden scheint ein Teil der Gruben in das Jung- oder Endneolithikum (ca. 3500-2500 v.Chr.), möglicherweise in die sog. Wartbergzeit (Megalith-Kultur) zu datieren. Daneben sind eine ganze Reihe von Gruben erfasst, aus denen (mit Ausnahme von Holzkohlen) keine datierenden Funde geborgen werden konnten. Die Bodenentwicklung lässt jedoch erkennen, dass diese Befunde meist deutlich älter als eisenzeitlich sind, so dass hier m.E. ebenfalls in erster Linie eine neolithische Zeitstellung in Betracht zu ziehen ist.
Neben den mannigfaltigen vorgeschichtlichen Befunden muss auch den zahlreichen außergewöhnlich großen und tiefen Materialentnahmegruben besondere Beachtung zukommen (Befunde 29, 32, 33, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 47), die nach den geborgenen Keramikresten sämtlich in das Mittelalter datieren. Sie liegen in unterschiedlichen Formen vor (langgestreckt - quadratisch - rechteckig - oval), sind überwiegend N-S orientiert und erreichen Durchmesser bis zu 20 m. Bei einer Tiefe von z.T. mehr als 3 m müssen hier Tausende von Kubikmetern Löss und Lehm entnommen worden sein. Besonders interessant sind die an einigen Stellen erhaltenen Spuren von Spatenstichen sowie die im Bereich der Grubensohlen entdeckten Wagenspuren, die Auskunft über den Abtransport des Bodenmaterials geben. Es ist anzunehmen, dass das kalkhaltige Lössmaterial zur Melioration ertragsärmerer Äcker, das Lehmmaterial im Oberboden (Bt-Horizont) vielleicht auch zu Bauzwecken verwendet oder zu Ziegeln gebrannt wurde. Möglicherweise besteht hier ein Zusammenhang mit dem frühen Limburg, was jedoch nur durch weitergehende Analysen geklärt werden kann.

Eine weitere interessante Frage wäre schließlich auch, ob es sich bei einigen der beschriebenen möglichen „Windwurf-Gruben“ (z.B. Befund 02) tatsächlich um natürliche Bildungen oder aber um Spuren gezielt entfernter Baumstubben im Zuge von Brandrodung und Feldbau handelt, die sich dann zusammen mit den übrigen Befunden und flächenhaft auftretenden dunklen Böden (Kap. 3) in ein landschaftsgeschichtliches Gesamtbild fügen würden ...


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letzte Aktualisierung

03.03.2017