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Als das Mammut am ICE-Bahnhof graste
Eine Zeitreise neben den Gleisen des schnellen Zugs

(Quelle: Johannes Laubach in Nassauische Neue Presse vom 12.02.2005)

Limburg. «Die Menschen, die hier früher siedelten, haben auch schon größere Entfernungen zurück gelegt. Und natürlich hatten sie bestimmt auch eine Vorstellung von Zeit. Aber nicht so wie heute, wo es darum geht, möglichst schnell von einem Ort zum anderen zu kommen.» Wenn Dr. Holger Rittweger von seiner Arbeit erzählt, dann geht es auf Zeitreise – zurück in die Vergangenheit. Nicht 1000 oder 2000 Jahre, sondern 7000 Jahre und mehr, in die frühe Phase der Menschheitsgeschichte.

Wer mit dem ICE mit 300 Stundenkilometern, einem vollen Terminkalender und engen Anschlusszeiten an die Fahrt durch das Limburger Becken saust, der kann nichts davon erahnen, auf welchen Spuren er da unterwegs ist. Auch denjenigen, die in Limburg-Süd den schnellen Zug verlassen, in Bus oder Auto umsteigen und dann ihren weiteren Weg einschlagen, merken nichts von dem geschichtsträchtigen Fleckchen Erde, auf dem sie sich bewegen. Rittweger spricht von «einmaligen Zeugnissen», von «archäologischen Denkmälern, die weit über die Region hinaus Bedeutung haben», die sich rund um dem ICE-Bahnhof befinden.

Als die Bagger und anderen Arbeitsmaschinen sich hier ihre Wege gruben, die Voraussetzungen für die erhofften Ansiedlungen in Form von Straßen und Versorgungsleitungen schufen, da war Rittweger als «denkmal-fachlich geeigneter Wissenschaftler» mit von der Partie, um die Arbeiten zu begleiten und um Funde zu bergen. Eine spannende Aufgabe, die aber auch mit vielen Frusterlebnissen verbunden war. Rittweger konnte auf dem 300 000 Quadratmeter großen Gelände nicht an allen Stellen gleichzeitig sein. Nicht wenige Funde, so seine Einschätzung, dürften daher zerstört worden sein.

Sein Auftrag – zeitlich begrenzt – ist längst abgelaufen. Vieles liegt auf den Grundstücken noch verborgen. «Es geht nicht um die Behinderung des Fortschritts, sondern um die Wahrung unserer eigenen Identität, Umwelt und Geschichte», sagt der Wissenschaftler. Zeit wäre sicherlich ausreichend vorhanden, um die geschichtlichen Zeugnisse zu bergen, aber es fehlt das liebe Geld.

«Limburger Becken und Goldener Grund gehören zu den mitteleuropäischen Altsiedellandschaften», sagt Rittweger. Die Vorfahren haben Spuren hinterlassen. Auf jungsteinzeitliche Siedlungsspuren waren schon die Arbeiter beim Bau der Autobahn in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gestoßen. Was sich während der Arbeiten am ICE-Bahnhof sowie der Erschließung des Gebietes fand, lässt nach Angaben Rittwegers Einblicke in die Klima- und Landschaftsgeschichte sowie in die Siedlungsgeschichte von ihren Anfängen bis in die frühe Neuzeit zu.

«Wenn sich Menschen früher verabredeten, dann dürfte das wohl große Ähnlichkeit mit dem gehabt haben, was wir aus Indianerfilmen kennen. Der Zeitpunkt richtete sich zum Beispiel nach dem Stand der Sonne oder des Mondes», sagt Rittweger. Es war ein Zeitempfinden, das sich an der Natur und nicht nach elektronischen oder mechanischen Angaben orientierte. Dabei, so schätzt Rittweger, gab es durchaus auch Formen von Eile. Zum Beispiel in der letzten Eiszeit, als altsteinzeitliche Jäger in der Limburger Steppe das Mammut jagten. Für die Jagd blieb nur eine befristete Zeit, um ausreichend Fleisch für die Sippe zu besorgen. Die Zeit zu nutzen, das war eine Frage des Überlebens. Und auch weitere Entfernungen sind in der frühen Siedlungsgeschichte überwunden worden. In dem ICE-Gebiet wurde zum Beispiel eine Pfeilspitze aus der Jungsteinzeit gefunden. Der Feuerstein, aus dem die Spitze gefertigt ist, stammt aus Norddeutschland, sagt Rittweger. Wie lange sie jedoch unterwegs war, durch wie viele Hände sie ging, bis sie bei den frühen Limburger Ackerbauern ankam, das kann niemand sagen.

Mehr als 50 archäologische Denkmäler sind bislang in dem ICE-Gebiet dokumentiert worden, hinzu kommen noch naturhistorische Befunde. Dazu gehört zum Beispiel ein mächtiges Lössprofil aus der letzten Eiszeit direkt vor dem heutigen Eingang des Bahnhofsgebäudes. Die Lössschicht ist hier bis zu fünf Meter mächtig und überdeckt den Schotter der «Ur-Lahn». Der Schotter der Ur-Lahn dürfte nach Einschätzung Rittwegers mehr als eine Million Jahre alt sein. Der Löss als Ablagerung von Flugsand oder -staub dürfte aus der Zeit von 15 000 bis 40 000 Jahren vor Christus stammen. In dieser Schicht findet sich der so genannte «Eltviller Tuff» als Zeugnis eines Vulkanausbruchs in der Eifel vor etwa 20 000 Jahren. Das besondere an dem Limburger Fund: Die grauschwarze Vulkanasche zeichnet im ockergelben Löss eine von Frost und Eis geschaffene Oberfläche ab. «Dieser schöne und bisher einmalige Befund ist durch Lackabgüsse dauerhaft konserviert worden», sagt Rittweger. Das landschafts- und klimageschichtliche Dokument eigne sich natürlich auch für eine museale Nutzung.

Die Funde im ICE-Gebiet müssen nach Einschätzung des Wissenschaftlers auch im Zusammenhang mit früheren Funden in der Umgebung gesehen werden. So zum Beispiel mit den Funden der so genannten «Wildscheuer» im Steedener Kalkwerk. Hier fanden sich neben eiszeitlichen Tierresten auch Stein- und Knochenwerkzeuge altsteinzeitlicher Menschen. Für Rittweger ein deutliches Indiz dafür, dass die Jäger der Altsteinzeit die Limburger Steppe durchstreiften und dabei in den Lahntal-Höhlen Schutz suchten.

Deutliche Hinweise auf die Besiedlung des ICE-Gebietes während der Jungsteinzeit (2300 bis 5500 Jahre vor Christus) gibt es durch Bodenfunde. Das Limburger Becken mit seinen überaus fruchtbaren Lössböden und den Schwarzerden waren früher Siedlungsraum. Wichtige Fundstellen sind nach Darstellung Rittwegers dabei künstliche Eintiefungen (Gruben) in den gewachsenen Boden. Die Vertiefungen wurden ausgehoben, um schwere Baumstämme einzulassen, um Lehm zu entnehmen, der für den Verputz von Hütten genutzt wurde. Gruben dienten der Abfallentsorgung und in erweiterter Form auch als Nahrungsmittelspeicher. Auffallend häufig haben sich im ICE-Gebiet so genannte Schlitzgruben gefunden. Ihre Funktion ist nach Darstellung Rittwegers noch nicht befriedigend geklärt, allerdings gibt es Vermutungen, wonach sie dem Gerben von Fellen oder zur Textilherstellung dienten.

Die aufgefundenen Keramikreste in den Gruben sind ein deutlicher Hinweis auf eine Besiedlung in der jüngeren bis späten Jungsteinzeit (2500 bis 3500 vor Christus). Die wissenschaftliche Auswertung der menschlichen Hinterlassenschaften wie Werkzeuge aus Knochen oder Stein sowie Pflanzenreste oder Holzkohlen könnten mit Hilfe moderner Analysemethoden Auskunft über die Tierhaltung, die Methoden der Jagd, des Ackerbaus und vieles mehr geben.

Neben den vorgeschichtlichen Befunden gibt es nach Angaben Rittwegers auch eine Vielzahl von Zeugnissen aus dem Mittelalter. Es sind bis zu drei Meter tiefe Gruben, die einen Durchmesser von bis zu 20 Meter erreichen. Der entnommene Lehm wurde möglicherweise in dem frühen Limburg als Baumaterial eingesetzt, der kalkhaltige Löss fand mit großer Wahrscheinlichkeit in der Landwirtschaft Verwendung. Wie Rittweger ausführt, sind an einigen Stellen der Gruben auch Spuren von Spatenstichen und Wagenrädern erhalten. Schließlich fand sich während der Erschließungsarbeiten noch das vollständige Skelett eines kleinen Rindes. Nach den Untersuchungen der Knochen stammt es entweder aus der Zeit zwischen 1520 und 1589 oder aus der Zeit zwischen 1624 und 1659.

«Was bisher an Ausgrabungen und Dokumentationen gelaufen ist, war lediglich eine Minimallösung. Von einer angemessenen wissenschaftlichen Ausgrabung ist das weit entfernt», sagt Rittweger. Eine seiner Ideen: ein «Eis-(Zeit-)Café» auf dem zukünftigen Stadtplatz, in dem Eiszeitboden und Funde präsentiert werden (Informationen und Bilder: http://www.mobileslandschaftsmuseum.de/Orte/lm_ice1.htm). Solange sich keine weiteren Unternehmen ansiedeln, bleibt das wohl Zukunftsmusik.

 

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01.04.2017