Eine organische Schicht im Stadtmauer-Turm am Peterstor.

Der nachfolgende Beitrag erschien in "Buchenblätter" (Beil. z. Fuldaer Zeitung v. 28.03.2002)

 

Roggen-Pollen  (Secale cereale); 

ca. 65 µm x 40 µm *)

 

 

Kornblumen-Pollen 

(Centaurea cyanus); 

ca. 35 µm x 25 µm *)

 

 

Fragment eines Pollens vom Teufelsabbiss (Succisa pratensis); ca. 60 µm *)

 

Pollenkorn einer Kornrade 

(Agrostemma githago), 

seitlich eingedrückt; 

ca. 55 µm *)

 

*) die abgebildeten Pollen entstammen nicht der hier beschriebenen Fundschicht

Vom Anbeginn seiner Existenz ist der Mensch ein Teil seiner Umwelt. Immer von ihr abhängig, musste er stets auf wechselnde Bedingungen reagieren. Gleichzeitig hat er die Umwelt selbst in zunehmendem Maße verändert. Sein Verhalten in der Vergangenheit wirklich zu verstehen, erfordert deshalb eine genaue Kenntnis der jeweiligen Lebensumstände. Unterschiedliche ökonomische und ökologische Gegebenheiten haben unterschiedliche Kulturen hervorgebracht. Das Wissen um die naturräumlichen Grundlagen der Vergangenheit, z.B. um das Klima, die Vegetation oder den Boden als Lebensgrundlagen, ist damit unabdingbare Voraussetzung für ein ganzheitliches Geschichtsbild. Die moderne Archäologie und Geschichtsforschung kann deshalb nicht ohne naturwissenschaftliche Methodik auskommen. Will man ein umfassendes Bild der Vergangenheit erlangen, muss man sich mit der Geschichte der Landschaft an sich befassen. Neben dem Studium schriftlicher Überlieferungen oder der Ausgrabung menschlicher Hinterlassenschaften kann dabei vor allem die naturkundliche Auswertung von zeitgleich entstandenen Ablagerungen, insbesondere die mikroskopische Bestimmung der darin erhaltenen Tierreste, Samen, Früchte oder Pollen, ganz entscheidend zur Erforschung der Menschheitsgeschichte beitragen. Das gilt sowohl für ur- und frühgeschichtliche Zeiträume - von der Altsteinzeit bis zum Mittelalter - als auch für die jüngere historische Entwicklung, wie am nachfolgenden Beispiel gezeigt werden kann.

Am 23.02.2000 wurde mir während einer Ortsbesichtigung einer archäologischen Grabung im Bereich der ehemaligen Fuldaer Stadtmauer von Dr. M. Müller (Vonderau-Museum) und den örtlichen Ausgräbern eine etwa 30 ml umfassende Bodenprobe übergeben. Die Frage war, ob man mit einer sog. paläoökologischen Sediment-Analyse herausfinden könne, um was es sich bei dem rotbraunen, kompostartigen Material einstmals gehandelt haben könnte. Das Hauptziel einer solchen Untersuchung ist das Auffinden und die Bestimmung von eventuell in einer Ablagerung enthaltenen (sub)fossilen Tier- und Pflanzenresten, um daraus Rückschlüsse auf die Umwelt bzw. das Landschaftsbild in der Vergangenheit zu ziehen. Der beigefügte Fundzettel informierte darüber, dass sie im "Turm-Innenbereich beim Abtiefen von Fläche 2 (Befund 35, Inv FD-PT-2000/1-48, Koordinaten 99 mN, 102-104 mO)" während der Ausgrabung der Stadtmauer am Peterstor 16-20 entnommen wurde.

Zunächst habe ich die unbehandelte rötlichbraune Bodenprobe auflichtmikroskopisch begutachtet. An frischen Bruchflächen waren unter der Binokularlupe jedoch nur völlig amorphe organische Substanz sowie vereinzelte Sandkörnchen zu erkennen. Nachdem eine kleine Menge des Originalmaterials zurückbehalten und (zwecks Konservierung) getrocknet wurde, wurde der Großteil einer Siebanalyse unterzogen. Um ein Zerfallen der recht kompakten organischen Substanz zu erreichen, war ein längeres Einweichen in 10%-iger Kalilauge (KOH) erforderlich. Da nur sehr wenig und zudem stark zersetztes Material vorlag, wurde als kleinste Maschenweite 120 µm (= 0,12 mm) gewählt. Weil die Probe möglichst rasch begutachtet werden sollte und keine Zentrifuge zur Verfügung stand, wurde außerdem ein Teil der feineren Fraktionen (< 120 µm) filtriert. Der Siebrückstand (> 120 µm) wurde anschließend auflichtmikroskopisch begutachtet und konserviert. Daneben wurden (durch)lichtmikroskopische Präparate (in Glycerin) sowohl vom unbehandelten Sediment als auch vom Filtrat (Fraktionen < 120 µm) angefertigt. Diese sollten in erster Linie der pollenanalytischen Begutachtung dienen. Auch von einigen weiteren ausgelesenen subfossilen Resten wurden Präparate angefertigt.

Die auflichtmikroskopische Untersuchung des Siebrückstandes zeigte, dass die mineralischen Reste in erster Linie aus Quarz- und Milchquarz-Sand bestehen. Zusammen mit einzelnen Sandstein-Feingruskörnchen ist damit auf verwittertes Buntsandsteinmaterial zu schließen.

Leider sind die botanischen Großreste (> 0,25 mm) insgesamt sehr stark zersetzt. Zumeist handelt es sich um nicht näher bestimmbare Pflanzenfaserreste. Dennoch ist ein Frucht-Fragment erhalten, das (unter Vorbehalt) als Kratzdistel (cf. Cirsium sp.) eingeordnet wird. Daneben konnte auch eine Frucht des Rohrkolbens nachgewiesen werden (Typha sp.). Sehr häufig sind dagegen Pilzgeflechte (sog. Myzele) und Pilzsklerotien (= Überdauerungskörper). Daneben sind auch kleine Holz- bzw. Pflanzenkohlefragmente nicht selten. 

Unter den zoologischen Resten fallen zunächst die extrem häufigen Milben (Acari) bzw. deren sechsbeinige Larven auf. Auch Insektenreste (div. Chitin- u. Kokonfragmente, Fliegenpuppen u.a. indet.) sind nicht selten. Zum Teil sind auch Kopfschilde von Käfern (Coleoptera) und anderen Taxa erhalten. Ein Backenzahn-Fragment (Molar) einer Maus (Muridae indet.) und einige Schneidezahn-Fragmente sind leider nicht mehr bestimmbar, so dass bislang offen bleiben muss, welche Mäuseart einstmals den Stadtmauerturm bewohnte.

Wesentlich mehr Aufschluss gestatten die viel kleineren subfossilen Reste in den lichtmikroskopischen Präparaten. Hier fallen zunächst die unzählbaren Pilzsporen auf. Es handelt sich überwiegend um kleine (10 - 20 µm), spitz-ovale (zitronenförmige), dunkelbraune Sporen mir kleinen runden Öffnungen an beiden Polen. Wie die zuvor genannten Pilz-Myzele sind sie wohl in erster Linie sekundären Ursprungs, d.h. auf die Zersetzung des Materials (durch Pilze) zurückzuführen. In gleicher Weise sind wohl auch die zahlreichen Milbenreste (bzw. deren Larven) zu interpretieren: Sie sind wahrscheinlich erst sekundär in das Material eingedrungen und haben an dessen Zersetzung mitgewirkt. 

Daneben sind in den lichtmikroskopischen Präparaten eine große Anzahl von sehr kleinen Epidermisfragmenten (Oberhaut) mit langgestreckten und stark gefältelten Zellen sowie charakteristischen Stomata (Spaltöffnungen) vom Gramineentyp festzustellen. Es handelt sich ohne Zweifel um Blattreste von Wildgräsern oder Getreiden (Poaceae), d.h. Heu oder Stroh, so dass hier ein erster eindeutiger Hinweis auf das ursprüngliche Material gegeben ist. 

Noch deutlicher wird dies durch die Pollenanalysen angezeigt (Tabelle 1), da der Blütenstaub weitaus besser erhalten ist als die Großreste. Unter 209 gezählten Pollen erreichen die Getreide zusammen 67,8 % (Gesamtberechnung). Neben dem stark dominierenden Roggen (33,4 % der Getreidepollen konnten eindeutig dieser Art zugewiesen werden) fallen auch die mit 12,4 % außergewöhnlich hohen Werte für die Kornblume (Centaurea cyanus) auf. Als weitere Ackerwildkräuter konnten auch die Ackerwinde (Convolvulus arvensis) und die Kornrade (Agrostemma githago) pollenanalytisch nachgewiesen werden (Tafel I). Die Pollen vom Aster- und vom Anthemis - Typ lassen sich dagegen keiner eindeutigen Art zuweisen. Sie zeigen aber, dass weitere Arten aus der Familie der Korbblüter die damaligen Äcker schmückten.

Die sich mit 16, 3 % ebenfalls recht deutlich abzeichnenden Gräser (Poaceae) lassen nicht unbedingt auf einen infolge von Grünland-Mahd eingebrachten Heuanteil im ehemaligen Substrat schließen, da eine Reihe von Gräsern auch als Ackerunkräuter zwischen dem Getreide wachsen können. Ein gewisser (aber nicht zwingender) Hinweis auf feuchtes Grünland (Molinietalia) ist jedoch durch den Pollen vom Teufelsabbiss (Succisa pratensis) gegeben. Zusammen mit dem Rohrkolben-Früchtchen (Typha sp.) und einer im Präparat erhaltenen Diatomee (Kieselalge) könnte er auf einen (zusätzlichen) Heueintrag, z.B. aus der feuchten Fuldaaue hinweisen.

Tabelle 1: Pollenanalytische Befunde in der organischen Bodenprobe aus dem Turm-Innenbereich der Fuldaer Stadtmauer (Peterstor 16-20).

 

 

Anzahl

%

Picea - T.

Fichte (Pollen-Typ)

1

0.5

Cerealia indet.

Getreide (Pollen-Typ)

72

34,4

Secale cereale

Roggen

70

33,4

Agrostemma githago *)

Kornrade

1

0.5

Anthemis - T.

Hundskamille (Pollen-Typ)

1

0,5

Aster - T.

Aster (Pollen-Typ)

1

0.5

Centaurea cyanus

Kornblume

26

12,4

Convolvulus arvensis *)

Acker-Winde

2

1,0

Poaceae

Süßgräser (Pollen-Typ)

34

16,3

Succisa pratensis *)

Teufelsabbiss

1

0,5

Summe gesamt

 

209

100

 *) Bei der Durchsicht zusätzlicher Präparate wurden weitere Pollen dieser Spezies gesehen.

In der Zusammenschau zeigen die vorgestellten Befunde jedoch sehr eindeutig, dass es sich bei der organischen Probe in erster Linie um zersetztes Stroh handelt. Die begleitenden Wildkräuter gehören überwiegend zur pflanzensoziologischen Klasse der "Secalietea". Sie deuten auf einen Wintergetreideanbau und recht farbenfrohe Äcker, die heute kaum noch zu finden sind. Sie sind damit ein recht anschauliches und seltenes Dokument für einen Teil der Fuldaer Landschaft in der Frühen Neuzeit. 

Abschließend bleibt die Frage, zu welchem Zweck das Stroh einstmals in den Stadtmauerturm eingebracht wurde. Denkbar wäre z.B. eine Isolierung für eingelagerte Lebensmittel oder eine Laufschicht auf feuchtem Boden. Die endgültige Beantwortung dieser Fragen wird jedoch Aufgabe der Archäologen sein.

Dr. H. Rittweger

 

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05.11.2017