Eiszeit-Schnecken in Sedimentproben von der

Neandertaler-Jagdstation Edertal-Buhlen

Die mittels Bagger-Schnitt nach fast 20 Jahren erneut freigelegten Fundschichten

 sind von Schottern der Netze sowie einer mächtigen Löss-Sequenz überlagert.

 

Im Auftrag des Hessischen Landesamtes  für Denkmalpflege wurden durch das BLP im Juni 2004 mehrere Sedimentproben zur geoarchäologischen und malakozoologischen Begutachtung entnommen. Die Leitung der neuerlichen Untersuchungen an diesem herausragenden Fundplatz wurden Doris Walther M.A. übertragen, der es gelungen ist, ein Forscher-Team von unterschiedlichen europäischen Universitäten für die naturwissenschaftliche Bearbeitung und Datierung zu gewinnen.

Da durch die umweltarchäologischen Analysen (z.B. die Auswertung der fossilen Schneckengehäuse) sowohl zur Klärung der geologischen als auch der  archäologischen Fragestellungen beigetragen werden kann, wären weitere Auswertungen dieser bemerkenswerten Fundschichten von besonderer Bedeutung.

 

Im Siebrückstand der Sedimentproben finden sich immer wieder Reste eiszeitlicher Schneckengehäuse 

(z.B. Pupilla muscorum u. Vallonia costata), deren Analyse zur Rekonstruktion

 der damaligen Umweltverhältnisse beitragen kann.

 

 

zum Hintergrund der neuen Forschungsarbeiten hier zunächst ein Beitrag von Prof. Dr. Lutz Fiedler aus dem Jahr 1988:

(Quelle: http://www.denkmalpflege-hessen.de/LFDH4_Publikationen/Veroffentlichungen/Ausgabe_1_1988/88-1_Fiedler/88-1_fiedler.html)

 

Lutz Fiedler 
Ein Projekt der Abteilung Vor- und Frühgeschichte
zur Altsteinzeitforschung in Edertal-Buhlen

In der Archäologie steht der Zeitaufwand für die Tätigkeit im Gelände zu der anschließenden Fundbearbeitung oftmals im Verhältnis von 1:10. Pläne müssen umgezeichnet und zusammen mit Fotos, Meßtabellen und Sedimentbeschreibungen ausgewertet werden; Fundstücke müssen gereinigt, beschriftet, restauriert, gezeichnet, vermessen, katalogisiert und in Verteilungsplänen und Statistiken erfaßt werden. Sedimentproben werden untersucht, geschlemmt, ausgezählt, gewogen. Schließlich werden in mühevoller Arbeit alle geschlagenen Steingeräte mikroskopisch auf Gebrauchsspuren untersucht und nach ihren Herstellungs bzw. Zerlegungsvorgängen wieder zusammengesetzt. Vor allen Dingen letzteres erlaubt eine Kartierung von technischen Vorgängen und dynamischen Strukturen eines Lagerplatzes.

 

Allerdings verzögert sowohl die räumliche Enge einer Dienststelle und die Unmöglichkeit, sich als Denkmalpfleger ununterbrochen mit seinem Fundmaterial zu beschäftigen, die wissenschaftliche Aufarbeitung recht stark. Der archäologische Denkmalpfleger muß sich gleichzeitig mit einer Vielzahl von konkurrierenden Maßnahmen beschäftigen. 

 

Als Beispiel hierfür mögen die Grabungen zur Altsteinzeitforschung in Edertal-Buhlen dienen. Seit Mitte der sechziger Jahre werden am Westhang des kleinen Netzetals bei Buhlen wissenschaftliche Grabungen durchgeführt. Sie waren zunächst geologischer, dann paläontologischer und archäologischer Art und wurden vom Landesamt für Bodenforschung (Dr. J. Kulick) sowie von den Universitäten Mainz (Dr. F. Malec) und Köln (Dr. G. Bosinski) betrieben. Nach den ersten Profilaufnahmen zeigte sich, daß hier mehrere Fundschichten des Mittelpaläolithikums (etwa 300.000 bis 35.000 v. Chr.) in einer geologisch trennbaren stratigraphischen Abfolge vorhanden waren und damit eine für Hessen fast einmalige Möglichkeit bestand, kulturelle Zeitabschnitte und die zeitliche Tiefe verschiedener Technokomplexe (d.i. "Kulturen") der mittleren Altsteinzeit zu erfassen. Die Untersuchungen wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt und dauerten bis 1969. Ergebnisse dieser Forschungen von Bosinski und Kulick im Jahr 1973 waren Erkenntnisse über die Talentwicklung der Netze im Jungpleistozän, neue Informationen über die Kleinsäugerfauna dieser Zeit und eine erhebliche Erweiterung unseres Wissens über technologische und typologische Phänomene der Neandertalerzeit.

 

Die Arbeiten in Buhlen mußten bis 1980 ruhen. In einer neuen Phase der Untersuchung traten nach der Erforschung der geologisch und damit zeitlich gliederbaren Schichtenfolge nunmehr Fragen nach der Intaktheit überlieferter Fundhorizonte und den Möglichkeiten, Lagerplatzstrukturen zu erkennen, in den Vordergrund. Auf dem unteren Teil des Fundplatzes, zwischen Netzetal und aufsteigendem Dolomitfelsen, wo flächige Untersuchungen noch möglich waren, wurde eine Fläche von 5 x 9 m aufgedeckt. 

 

Sehr reiche Schichtpakete mit zahlreichen Knochenresten eiszeitlicher Tiere und vielen Steingeräten erlaubten es nicht, die gewählte Fläche in einer Grabungskampagne vollständig auszugraben. Im Abschlußbericht an die DFG, deren Finanzierung diese Arbeiten ermöglichte, konnte immerhin festgestellt werden, daß nicht nur ein, sondern zwei Besiedlungshorizonte so in die Erdschichten eingelagert waren, daß alte Oberflächen überliefert und damit auch Lagerplatzhinterlassenschaften in ursprünglicher Strukturierung angetroffen wurden. Wir konnten Feuerstellen, Werkplätze und Steinsetzungen in Buhlen feststellen, von denen angenommen werden muß, daß sie zu einer ehemaligen Behausungskonstruktion gehören. 

 

Jedoch konnte wegen denkmalpflegerischen Verpflichtungen anderer Art erst 1985, nach weiterer Förderung durch die DFG, durch den gewonnenen Mitarbeiter Dr. Klaus Hilbert die Grabungen wieder aufgenommen werden, um die Frage zu klären, ob an diesem Fundort tatsächlich für Mitteleuropa einmalige .Behausungsspuren des Mittelpaläolithikums vorhanden waren. 

 

Obwohl eine umfangreiche Aufarbeitung der Kleinfunde und der faunistischen Reste sowie weitere Zusammensetzarbeiten noch ausstehen, erlauben die bisherigen Ergebnisse (Fiedler und Hilbert, Archäologisches Korrespondenzblatt 17, S. 135-150) Einblicke in das Leben zur Zeit der Neandertaler, wie sie aus Mitteleuropa nicht und aus anderen Gebieten der alten Welt außerordentlich spärlich vorhanden sind.

Zeichnerische Rekonstruktion einer Behausung der Mittelpaläolithikums in Edertal-Buhlen (Zeichnung: Fiedler)

 

Im Netzetal bei Buhlen wurde eine barriereartig vorspringende Dolomitflanke wegen ihrer topographisch und jagdstrategisch günstigen Lage während der Zeit zwischen etwa 150.000 und 30.000 Jahren vor heute mehrmals mindestens aber zu sieben verschiedenen Perioden von eiszeitlichen Menschengruppen aufgesucht. Sie errichteten ihre Lager sowohl auf der Kuppe, wie am Hang und Fuß der Dolomitfelsen und brachten erbeutete Tiere hierher. Im Knochenmaterial lassen sich Mammut, Nashorn, Pferd, Ren, Bär, Antilope und Hirsch nachweisen. Nicht aus allen Abschnitten haben sich die ursprünglichen Begehungshorizonte erhalten, besonders die älteren Funde sind in verschiedenen geologischen Schichten als Umlagerungen eingebettet. Am besten erhalten ist der jüngste Besiedlungsniederschlag, der auf einer alten Oberfläche am Fuß des Dolomithanges angetroffen wurde und als Buhlen 4 bezeichnet wird. Er dürfte 35.000 bis 40.000 Jahre alt sein und gehört damit in eine späte Phase des Mittelpaläolithikums in der WürmKaltzeit. 

 

Die Steingeräte der Menschen wurden aus Rohmaterialien vor allem schwarzem Kieselschiefer angefertigt, die aus einem Umfeld von etwa 10 km herbeitransportiert wurden, aber auch gelegentlich, wie z.B. Feuerstein, sehr weite Wanderungen voraussetzten. Die Werkzeuge wurden aus Rohstücken zumeist am Lagerplatz hergestellt, indem durch eine spezialisierte Abschlagtechnik standardisierte Typen wie Schaber, Messer und Bohrer erzeugt wurden. Im Wiederzusammenfügen der Werkzeuge und den abgespaltenen Rest und Abfallstücken lassen sich heute die technologischen Vorgänge rekonstruieren, sowie die Wege zwischen den Plätzen der Herstellung, Benutzung und Ablage kartieren. So können wir dynamische Strukturen, also Verhaltensmerkmale der Menschen entschlüsseln, die im Zusammenhang mit der Verteilung von Behausungsspuren, Feuerstellen und Ablageplätzen als Verhaltensmuster zu werten sind.

 

Die Feuerstellen zeigen sich in unterschiedlicher Form als rotgebrannte Steinsetzungen (oder auch amorphe Streuung) von Dolomitbrocken oder als dicke Lagen von Knochenkohlesplittern. Letztere geben, besonders im Zusammenhang mit geröteten Dolomitsteinen, die originale Position eines Herdes an, oder weisen als ausgeräumte Asche auf Abfallplätze hin. Dies ist wichtig im Zusammenhang mit dem bedeutendsten Befund unserer Ausgrabungen, einer rundlichen Steinsetzung mit einem Innendurchmesser von 4 m, die grundrißartig als Basis einer Behausung erhalten ist. Ihr Eingang ist nach Südosten gerichtet und läßt damit den Blick auf das Netzetal frei, erlaubt aber auch dem Licht der Morgen und Mittagssonne den Eintritt. Die Rückseite liegt nicht weit vom Dolomithang entfernt, der als Windschatten zur Hauptluftströmung zugleich Reflektor der Mittagswärme war. Die ursprüngliche Bauweise der Behausung läßt sich nur annähernd erschließen, da die ringförmige Anordnung von großen (bis nahezu 1 m langen) und kleinen Dolomitbrocken nicht erkennen läßt, wie der Oberbau einst ausgesehen haben mag. Es könnte sich dabei sowohl um eine bienenkorbähnliche Konstruktion, wie auch um eine zeltartige Anlage gehandelt haben. Zwei größere Blöcke im Innern des Kreises könnten dabei als Arretierung für einen Mittelpfosten gedient haben. Daß die Überdachung des Befundes keine Spekulation ist, zeigt sich in der Verteilung der Steinartefakte im Inneren. Der rückwärtige Teil ist bis auf bearbeitete Werkzeuge nahezu frei von Schlagschutt, während um eine zentrale Feuerstelle, und von dort zunehmend bis in den Eingangsbereich sehr zahlreiche Werkabfälle liegen. Die Arbeiten zur Steingeräteherstellung haben also, eine Ruhezone im Hintergrund auslassend, im vorderen vom Tageslicht erhellten Teil der Hütte stattgefunden. Weitere Abfälle, die offenbar aus dem Inneren ausgeräumt wurden, liegen außen rechts und links neben dem Eingangsbereich unmittelbar am Steinwall. Sie sind also nicht über den Steinring geworfen, sondern herausgebracht und in einer Zone abgelegt, die von der üblichen Begehung unberührt war. Vergleichbare Befunde aus späteren Stationen des Jungpaläolithikums sichern dabei die Interpretation einer Behausung.

 

Wir dürfen in Buhlen in eine bisher einmalige Welt urmenschlicher Kultur blicken, die uns großartige Erkenntnisse über das Verhalten, den Lebensstil und gesellschaftlicher Tätigkeiten unserer frühen Vorfahren gibt. Die Forschungsarbeiten werden zunächst fortgesetzt. Weitere Geländearbeiten müssen aber anschließen, da bisher nur ein kleiner Teil des Lagerplatzes bekannt ist.

 

sowie ein Zeitungsartikel zu den neuen Arbeiten im Jahr 2004:

(Quelle: Waldeckische Landeszeitung / Frankenberger Zeitung v. 18.11.2004)

Grabung in Buhlen Ende der Woche zu Ende

Mammuts geben Rätsel auf

von Matthias Schuldt

EDERTAL-BUHLEN. Zwei Wochen lang hat die Archäologin Doris Walther am Buhlener Sandsteinbruch gegraben und das, was sie gefunden hat, für ihre weitere Arbeit dokumentiert. Sie hat das Fenster in die Vergangenheit, in die Zeit der Neandertaler im Netzetal, wieder aufgestoßen. Spektakulärster Fund: ein Mammutstoßzahn von deutlich mehr als einem Meter Länge.

"Das ganze Projekt läuft hervorragend. Ich bin ganz glücklich", sagt die Wissenschaftlerin lachend. Gestern und heute geben sich Kollegen unterschiedlichster Fachdisziplinen ein Stelldichein am Fundplatz, der kurz hinter dem Ortsausgang Buhlen Richtung Netze liegt. Ihre Aufgabe ist es, die Fundschichten, die bereits in den 1980er Jahren zu Tage gebracht wurden wurden und die Doris Walther wieder freigelegt und erweitert hat, genauer zu datieren. 

Ein Experte für Pflanzenpollen, Spezialisten für Schnecken, kleine Säugetiere und physikalische Messmethoden kamen und kommen nach Edertal, um ihre Untersuchungen zu machen, nach den Überresten von Pflanzen und Tieren zu fahnden. 

Das ungefähre Bild, das sich die Wissenschaftler mehrerer Generationen von der Vergangenheit des Fundplatzes in Buhlen machen, sieht so aus: Sowohl oben am Hang als auch an seinem Fuß haben einst Neandertaler gelebt. Unter Umständen gab es am Fuß sogar eine Behausung. Ein Kreis von Findlingen wird von manchen Archäologen als Rest einer Art Hütte gewertet. In der Nähe haben die Forscher Knochen von großen Säugetieren wie dem Mammut und dem Wollnashorn gefunden. Oben am Hang liegen dagegen eine Unzahl von kleinen und kleinsten Knochenresten und sehr viele Überbleibsel von Steinwerkzeugen. Es könnte so gewesen sein, dass die Jäger einst die großen Tiere bis an den Fuß des Hanges brachten, sie dort grob zerlegten und dann oben weiter verarbeiteten und zubereiteten. Dort wurden quasi steinzeitliche "Küchenabfälle" zuhauf gefunden. Allerdings passen neueste Erkenntnisse von Paläontologen aus Holland nicht recht in dieses Bild. Sie haben die Mammutknochen untersucht, die in 1960er und 1980er Jahren in Buhlen sicher gestellt wurden. Sie lagen und liegen vorrangig in einer Schicht zusammen. Das Ergebnis: Sie gehörten 19 Tieren. Es waren sehr junge Mammuts bis zu zwölf Jahren und noch nicht geschlechtsreif sowie erwachsene Tiere der "Elterngeneration". Sonderbar: Die Knochen zeigen keine Spuren der Bearbeitung, dass heißt, Neandertaler haben mit ihren Steinwerkzeugen nicht an ihnen gearbeitet. Starben sie doch nicht durch der Jäger Hände? War Buhlen zu einer bestimmten Zeit vielleicht ein Mammutfriedhof? Dann aber hätten auch sehr alte Tiere oder "Halbstarke" unter den Toten sein müssen. Das ist nicht der Fall. Oder haben die Wissenschaftler hier eine Herde vor sich, die von oben in den Tod gescheucht wurde und so groß war, dass die Menschen sie gar nicht alle verarbeiten konnten? Das alles bleibt vorerst Spekulation. "Hier sind neue, spannende Fragen aufgetaucht", sagt Doris Walther. Die Beantwortung wird noch dauern. Doris Walther jedenfalls hat sich fest vorgenommen, in Zukunft weitere Grabungen in Buhlen zu organisieren, denn viele Erkenntnisse warten hier noch in der Erde. 

Am Wochenende ist vorläufig Schluss. Mit Hilfe ihres Mannes und ihrer drei Kinder schüttet die Archäologin die Fundstelle wieder zu. Das zeigt: Voller Einsatz und Ideenreichtum ist bei Wissenschaftlern heute mehr denn je gefragt, denn die Gelder sind knapper geworden. Doris Walther ist trotzdem zuversichtlich und freut sich auf ein Wiedersehen mit Buhlen: "In fünf, sechs Jahren will ich hier weitermachen."

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02.06.2017