Der Eiszeitboden im Bruchköbeler Rathaus.

Erläuterungen zu einem Ausstellungsobjekt der besonderen Art.

 

 

 

 

Als vor 12.000 Jahren in Bruchköbel noch eiszeitliche Klimabedingungen herrschten, glich die Landschaft in weiten Teilen jener der nordischen Tundren und innerasiatischen Grassteppen. Zahlreiche Großsäuger, wie Mammute, Rentiere oder Wollhaarnashörner, zogen durch die offene Landschaft, und auch der altsteinzeitliche Mensch hat im heutigen Bruchköbeler Wald seine Spuren hinterlassen.

In den kältesten Phasen der Eiszeit war der Boden bis in große Tiefe gefroren (Permafrost); nur die oberste Schicht taute regelmäßig im Sommer auf. Infolge des Wechselspiels von Gefrieren und Wiederauftauen kam es in der wassergesättigten Auftauschicht zu unterschiedlichen Druckbelastungen der ungleich dichten Bodenhorizonte, wodurch teils extreme Störungen der ursprünglichen Schichtlagerung hervorgerufen wurden.

Mit dem hier zu sehenden Lack-Bodenprofil ist es gelungen, diese speziellen Bodenbildungs-Prozesse in einem seltenen und besonders anschaulichen Beleg festzuhalten und als Momentaufnahme für die Nachwelt zu erhalten. Es wurde im Dezember 2002 im Baugebiet "Peller 1" entnommen, wo schon im Sommer des gleichen Jahres Spuren eiszeitlicher Formung im Rahmen archäologischer und geowissenschaftlicher Untersuchungen freigelegt wurden.

Die im unteren Teil des Profils zu sehenden hellgrauen, gelb- und rötlich-braunen Sand- und Schluffschichten (Schluff = Körngrößenbereich zwischen Sand und Ton) wurden infolge des Frostwechsels - einem Marmorkuchen ähnlich - miteinander "verrührt". Der geowissenschaftliche Fachbegriff für die durch den Wechsel von Gefrieren und Wiederauftauen hervorgerufene Durchmischung von Bodenmaterial lautet Kryoturbation. Böden mit solchen Merkmalen werden gemeinhin als Frostmuster- oder Würgeböden bezeichnet. Als Produkte unterschiedlicher Druckbelastungen können die Verwürgungen und Involutionen (Einstülpungen) mannigfaltige Formen aufweisen. Je nach Ausprägung werden deshalb mitunter auch die Begriffe Taschen-, Tropfen- oder Brodelböden verwendet.

Aufgrund der Verwürgungen ist die ursprüngliche Lagerung und Entstehung der Schichten meist nicht mehr zu rekonstruieren. Im vorliegenden Fall ist es jedoch durch die Auswertung der in den Schichten gefundenen fossilen Tier- und Pflanzenreste gelungen, Informationen über die Herkunft des Materials zu gewinnen: Neben Resten von Fischen und Muschelkrebsen konnten auch verschiedene Süßwasser-Schnecken und Erbsen-Muscheln ausgesiebt werden. Sie zeigen, dass es sich um ursprünglich horizontal abgelagerte Flussbett- und Hochflutsedimente der eiszeitlichen Kinzig oder des Krebsbaches handeln muss.

Darüber hinaus konnten zahlreiche Landschnecken-Gehäuse ausgelesen werden: Am häufigsten ist die Kleine Bernsteinschnecke (Succinea oblonga elongata SANDBERGER) enthalten, sie erreicht 97 % des Gesamtspektrums. Daneben konnte nur die Moos-Puppenschnecke (Pupilla muscorum densegyrata LOŽEK) nachgewiesen werden. Eine solch artenarme und nur aus kaltzeitlichen Formen bestehende Fauna spricht eindeutig für eiszeitliche Klimabedingungen während der Ablagerung.

Die verwürgten Sedimente sind demnach als kaltzeitliche Flussablager-ungen zu sehen, die noch während eiszeitlicher Klimabedingungen kryoturbat (s.o.) überprägt wurden. Ob sie in die letzte Kaltzeit (Würm-Eiszeit) datieren, die vor ca. 11.500 Jahren zu Ende ging, ist ohne genaue Untersuchungen nicht sicher zu sagen. Sollten sie in einer älteren Kaltzeit entstanden sein, wäre von einem Mindestalter von deutlich über 100.000 Jahren auszugehen.

Im oberen Teil des Boden-Profils sind neben den eiszeitlichen Formen auch interessante bodengeschichtliche und kulturhistorische Spuren der Nacheiszeit erfasst. Die dunkelsten Bereiche markieren dabei den unteren Rand einer jungsteinzeitlichen Grube, die von unseren bäuerlichen Vorfahren vor mehr als 7.000 Jahren zur Lehmentnahme (Hausbau) oder Vorratshaltung ausgehoben wurde. Anschließend wurde sie dann wieder mit dem dunklen Oberflächenmaterial der damaligen Zeit verfüllt. Bemerkenswert sind die großen orangeroten Brandlehmbrocken, die hier eine direkte Einwirkung von Feuer anzeigen.

Beim Freiputzen der Grube konnten auch (Messer-)Klingen aus Quarzit und Keramikreste der sog. Linearbandkeramischen Kultur geborgen werden. Sie zeigen, dass der hier erfasste archäologische Befund in einen Zeitraum zwischen etwa 5.500 und 4.900 v.Chr. datiert und damit an den Beginn bäuerlicher Kultur in unserer Region zu stellen ist.

Die weitere Bodenentwicklung war vornehmlich durch die vertikale Verlagerung von Ton gekennzeichnet, der im Oberboden ausgewaschen (sog. Lessivierung) und im Unterboden angereichert wurde (sog. Bt-Horizont ab etwa 38 cm unter der Oberfläche). Die mit dunklerem Tonmaterial ausgekleideten Risse, Wurm- und Wurzelröhren sind deutlich zu erkennen. Durch die damit einhergehende Verdichtung geriet der Boden zunehmend unter Staunässeeinfluss, was u.a. an den rötlichbraunen bis gelblichen Rostausfällungen (Marmorierung) zu erkennen ist. Diese Merkmale verlieren sich erst allmählich ab etwa 1,0 m unter der Oberfläche, während die Tonhumus-Verlagerung innerhalb von Wurm- und Wurzelröhren stellenweise deutlich tiefer in die unteren eiszeitlichen Schichten hineinreicht.

Durch die an die Jungsteinzeit anschließende intensivere ackerbauliche Nutzung (insbesondere ab dem Mittelalter) wurde von den höher gelegenen Geländebereichen zunehmend Bodenmaterial abgeschwemmt und als sog. Kolluvium in den tiefer liegenden Hangbereichen wieder abgelagert. So auch im oberen Bereich des hier vorliegenden Profils, der jedoch leider nicht durch den Lackabguss erfasst ist. Aus bodenkundlicher Sicht ist der vorliegende Boden deshalb als ein kolluvial angereicherter sog. "Parabraunerde-Pseudogley" (evtl. mit "Schwarzerde-Vergangenheit") über stark verwürgten eiszeitlichen Schluff- und Sandschichten einzuordnen.

Da es sich insgesamt gesehen um ein bemerkenswertes und in dieser kontrastreichen Form sehr seltenes landschafts- und klimageschichtliches Dokument handelt, hat sich die Stadt Bruchköbel im Sommer 2002 entschlossen, dieses Boden-Profil dauerhaft durch einen Lackabguss sichern zu lassen. Beauftragt wurden Dr. Holger Rittweger (MObiles LAndschafts MUseum / Büro f. Landschafts- und Paläoökologie, Waldbrunn) sowie Frau Dipl.-Geogr. B. Kopecky (Büro f. Bodenkunde und Geoarchäologie, Bonn). Die Geländearbeiten wurden im Dezember 2002 vom Verfasser gemeinsam mit dem von Frau Kopecky beauftragten Herrn C. Enzl (Bonn) ausgeführt. Dazu wurde ein kleiner Baggerschnitt angelegt und ein Bodenprofil per Hand sorgfältig freigeputzt, anschließend mit einem Speziallack übergossen und schließlich auf Sperrholzplatten fixiert. Die endgültige Präparation erfolgte anschließend in Bonn, so dass die Profile im März 2003 wieder nach Bruchköbel zurück transportiert werden konnten.

Der Betrachter blickt demnach auf die Rückseite eines nur wenige Millimeter messenden Lackfilms mit der daran klebenden Erde. Das ausgestellte Profil ist folglich seitenverkehrt, sonst aber kaum vom Originalboden zu unterscheiden, so dass es neben der rein wissenschaftlichen Bedeutung auch unter ästhetischen Gesichtspunkten als Besonderheit zu werten ist.

Weitere Informationen über die geologischen, bodenkundlichen und paläoökologischen Befunde im Osten Bruchköbels sind einem der Stadt sowie dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abteilung für Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege, in Wiesbaden vorliegenden ausführlichen Untersuchungsbericht (Rittweger 2003) zu entnehmen.

Dr. H. Rittweger,
im Oktober 2003

 

» Es ist sehr zu empfehlen, sich den Bruchköbeler Eiszeitboden einmal im zusammengesetzten Zustand im dortigen Rathaus anzusehen.    >>> http://www.bruchkoebel.de/

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02.06.2017